Blick auf das Rathaus in Oberlahnstein 

Vor 75 Jahren rollten die Seifenkisten über den Rheinhöhenweg

Sie brachten den Nervenkitzel nach Oberlahnstein: Zwischen 1949 und 1951 lockten die lokalen Seifenkistenrennen an die Rennstrecken. Initiator dieser Derbys war Wolfgang Schöpping, Jugendführer der katholischen Jugend. Organisiert und ausgetragen wurden die Rennen in Zusammenarbeit zwischen der katholischen und der evangelischen Jugend.

Eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Siegerehrung. Ein junger Rennfahrer mit heller Mütze, Rennbrille, kariertem Hemd und einer Strickweste steht im Profil. Er trägt einen Lorbeerkranz um den Hals und hält eine Urkunde oder Plakette in der Hand. Ein älterer Mann im hellen Sakko steht leicht hinter ihm und legt ihm gratulierend die Hand auf die Schulter. Im Hintergrund sind weitere lächelnde Zuschauer zu sehen.
Sieger in der B-Klasse und Tagesbester Günther Schröder erhielt von Bürgermeister Dr. Claus den Wanderteller der Stadt 

Im Jahr 1951, also vor 75 Jahren, wurde die Organisation und technische Leitung an Hans Müller übertragen. Zusammen mit einem großen Mitarbeiterstab gelang es ihm, alle Voraussetzungen für das Gelingen des Rennens zu sichern. Jede Seifenkiste trug Werbung eines regionalen oder überregionalen Gewerbebetriebs oder Verbands, der für die jeweilige Beschriftung zahlte. Vom Schützenplatz rasten die Jungen den kurvenreichen und damals noch nicht asphaltierten Rheinhöhenweg hinunter bis in die Ostallee, Ecke Frühmesserstraße. 60 jugendliche Rennteilnehmer, viele Transparente, Lautsprecheranlage und rund 6.000 Besucher verwandelten die Rennstrecke in einen „kleinen Nürburgring“. Immer fuhren zwei Kisten im Zweikampf. Um die Zeit festzuhalten, stand die Rennleitung telefonisch in Kontakt mit den Zeitmessern am Start- und Zielpunkt. Da die Strecke nicht ungefährlich war und die Fahrer etwa 40 Stundenkilometer schnell fuhren, stand auch das Rote Kreuz bereit.

Die Firma Opel hatte damals ein Kugellager herausgebracht, das enorme Zeitvorteile verschaffen konnte. Das Rennen wurde daher in zwei Gruppen gefahren, nämlich für Kugellager und Gleitlager. In einer Broschüre waren die offiziellen Bauvorschriften für den „Großen Opel-Preis“ 1951 festgelegt. Die Sieger qualifizierten sich für die damals alljährlich stattfindende deutsche Meisterschaft. Es durfte nur Jungen bis 15 Jahre teilnehmen, die ihre Wagen selbst gebaut hatten. Festgelegt waren außerdem Spurweite, Radstand, Bodenabstand, Gewicht, Fahrgestell, Bremse und Wagenaufbau. So musste jeder Wagen mit einer einfachen Zugbremse ausgestaltet sein und diese durfte nur mit dem Pedal betätigt werden.

Ehrenprotektor Bürgermeister Dr. Claus überreichte dem Sieger der Hauptklasse Günther Schröder eine Ehrenurkunde, eine elektrische Eisenbahn sowie als Tagessieger mit 1 Minute 23 Sekunden den Wanderpreis in Form eines Bronzetellers. Schröder fuhr für den Fußballverband Rheinland. Sieger in der Sonderklasse wurde Erich Gerntke, der mit der Werbung für das Blumengeschäft seiner Eltern fuhr. Er gewann einen Lederball. Keiner der 44 jungen Fahrer ging dabei leer aus: Die anderen erhielten Kameras, Fahrtenmesser, Armbanduhren, Tauchsieder, Bonbontüten, Seifenpulver, Tachometer, Fahrradbeleuchtung und ähnliche Preise. Dr. Othmar Gehling, damals 10 Jahre alt, erinnert sich, dass er als Viertplatzierter einen Fahrradreifen gewann. Das Grundgerüst übernahm er von der Firma Victoriabrunnen, woran er Räder von einem Kinderwagen montierte.

Eine historische Schwarz-Weiß-Nahaufnahme eines jungen Rennfahrers, der stolz in seiner aerodynamisch gebauten, hellen Seifenkiste sitzt. Das Fahrzeug trägt die Aufschrift „Blumen Gerntke“. Der Junge trägt eine Fliegerhaube mit Rennbrille auf dem Kopf und eine breite Siegerschleife über der Schulter, auf der das Datum „20. Mai 1951“ gedruckt ist. Im Hintergrund ist die Fassade eines älteren, mit Efeu bewachsenen Gebäudes zu sehen.
Sieger in der A-Klasse Erich Gerntke in seiner Seifenkiste  (Foto: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)

Der Seifenkistensport hatte seinen Ursprung kurz nach 1900 in Deutschland, als in Oberursel im Taunus, inspiriert von dortigen Motorsportgroßereignissen, Jugendliche in selbstgebauten „Kinderautomobilen“ Rennen veranstalteten. Dennoch waren die in den 1930er Jahren in Amerika in hoher Blüte stehenden Soap-Box-Derbys Vorbild für die Wiedergeburt der deutschen Seifenkisten-Rennen 1949. Hintergrund war das Interesse der amerikanischen Besatzungstruppen an einer der deutschen Jugend dienenden Freizeitgestaltung.

An die Tradition der Seifenkistenrennen wurde im Jahr 1961 angeknüpft, als ebenfalls vom Bund der katholischen Jugend auf der Rennstrecke am Ölberg ein Seifenkistenrennen veranstaltet wurde. Die letzten Rennen erfolgten Anfang der 1990er Jahre, als der Kur- und Verkehrsverein diese in der nicht so steilen Schulstraße organisierte.