Leben wir tatsächlich zweimal? Erst in der Wirklichkeit und dann in der Erinnerung?“ Diese Frage spielt in Carsten Henns Roman „Sonnenaufgang Nr. 5“ eine wichtige Rolle. Und auch bei seiner Lesung im Theater Lahnstein drehte sich vieles um Erinnerungen, Erlebnisse und die Geschichten, die daraus entstehen können. Auf Einladung der Stadtbücherei war der Bestsellerautor bereits zum zweiten Mal in Lahnstein zu Gast und hatte neben seinem aktuellen Roman auch eine Menge persönliche Anekdoten im Gepäck.
Denn Henn las nicht einfach nur aus seinem Buch vor. Zwischen den einzelnen Passagen plauderte er aus dem Nähkästchen und verriet, wie er auf seine Ideen kommt, welche Erlebnisse ihn beim Schreiben inspirieren und wie seine Romanfiguren häufig ein überraschendes Eigenleben entwickeln.

In „Sonnenaufgang Nr. 5“ geht es um die Geschichten, die das Leben schreibt, und die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Jonas, der sein Germanistikstudium abgebrochen hat und als Ghostwriter die Lebensgeschichten anderer Menschen festhalten möchte. Seine erste Auftraggeberin ist die exzentrische ehemalige Filmdiva Stella, die ihre Erinnerungen zu einer Autobiografie zusammenfügen lassen will. Allerdings soll darin möglichst alles in einem guten Licht erscheinen. Aus der Begegnung der beiden so unterschiedlichen Menschen entwickelt sich eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, verpasste Chancen und den Mut, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Viele seiner Ideen begegnen Carsten Henn mitten im Alltag. Manchmal sind es eigene Erlebnisse, manchmal zufällige Beobachtungen oder Geschichten, die er irgendwo aufschnappt. So berichtete er auch von einem Zeitungsartikel aus Großbritannien, der ihn zu einer seiner Ideen inspiriert hatte. Besonders persönlich wurde es, als Henn von seiner Familie erzählte und verriet, dass manche seiner Romanfiguren zunächst durchaus Ähnlichkeiten mit Menschen aus seinem eigenen Umfeld aufweisen. Beim Schreiben entwickeln diese Figuren dann jedoch zunehmend ein Eigenleben und schlagen mitunter ganz andere Wege ein, als ursprünglich gedacht.
Mit seiner humorvollen und offenen Art sorgte Henn für einen abwechslungsreichen Abend, bei dem es neben der Geschichte seines Romans auch viel über den Menschen hinter den Büchern zu erfahren gab. Und auch nach der Lesung war noch Gelegenheit für einen persönlichen Austausch: Der Autor signierte Bücher, beantwortete Fragen und unterhielt sich mit seinen Leserinnen und Lesern. So fand die von der Stadtbücherei Lahnstein organisierte Veranstaltung einen schönen Ausklang.

