Blick auf das Rathaus in Oberlahnstein 

Lahnsteins Allerheiligenbergkapelle blickt auf 125 Jahre Geschichte zurück

Am 20. Oktober 1901 wurde die neuerbaute Allerheiligenbergkapelle feierlich eingeweiht. Eigentlich sollte der Neubau des Nachfolgers der 1671 eingeweihten Kapelle wesentlich kleiner ausfallen, doch der erste Entwurf des Architekten Rief aus Ehrenbreitstein mit 22 Meter Länge und 13,8 Meter Breite, der bei der Grundsteinlegung am 20. Oktober 1895 in der Festzeitung beschrieben wurde, wurde von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich verworfen.

Historische Sepiaaufnahme der festlich geschmückten Allerheiligenbergkapelle in Lahnstein. Vor dem Eingang haben sich zahlreiche Menschen zur feierlichen Einweihung versammelt. Fahnen, Girlanden und eine große Menschenmenge prägen das Bild.
Einweihung der Allerheiligenbergkapelle am 20. Oktober 1901  (Fotos: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)

Ein Blick zurück: Pfarrer Josef Wolf, der in den 1870er Jahren auf dem Weg zum Allerheiligenberg die Rosenkranzstationen hatte errichten lassen, dachte bereits an einen Ersatz für die baufällige alte Kapelle von 1671. In der wirtschaftlichen Hochkonjunktur sah er die Chance, eine ganz neue, eindrucksvolle Kapelle auf der Vorderkante des Allerheiligenbergs aufbauen zu können. Aber erst unter seinem Nachfolger Pfarrer Johann Baptist Ludwig (1849-1943), der seit Oktober 1894 die Geschicke der Pfarrei St. Barbara leitete, wurde der Neubau konkret. Ludwig hatte als gebürtiger Niederlahnsteiner die kulturelle Bedeutung der Wallfahrtskapelle miterlebt. Zudem hatte der pensionierte Kauber Pfarrer Franz Berg, ebenfalls ein gebürtiger „Baareschesser“, in den 1880er Jahren Gebäude und Ländereien rund um den Allerheiligenberg aus gleichem Grund erworben. Hier lebte Berg als Eremit bis zu seinem Tod 1898 und überschrieb der Kirchengemeinde Gebäude und Liegenschaften.

Das Baukomitee der Allerheiligenbergkapelle stellte die Pläne dem Kaiser vor, die zukünftige Kapelle als Erinnerungsstätte „für die gefallenen Helden des Krieges 1870/71 zu errichten“. Dieser Vorschlag fiel gedanklich in die Richtung einer kaiserlichen Verordnung, die 25 Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg Deutschland zum Erinnern und Feiern aufgefordert hatte. Kaiser Wilhelm II, der von seinem Schloss Stolzenfels die beste Aussicht auf den Allerheiligenberg hatte, ließ die Lahnsteiner wissen, dass er an dem Vorhaben teilhaben werde, zumal seine Tante Königin Elisabeth als auch sein verstorbener Vater hier gerne in Andacht verweilt hatten.

Dann ging es behördlich weiter. Das Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheit in Berlin forderte die Bauunterlagen an, um zu prüfen, ob ein kaiserlicher Baukostenzuschuss gewährt werden könne. Riefs Entwurf wurde verworfen. Max Meckel, der bekannte Freiburger erzbischöfliche Baudirektor und Architekt, wurde beauftragt, das Konzept zu überarbeiten. Im neuen Plan hatte Meckel die Kapelle wesentlich verändert, die Turmspitze gehoben und die Grundfläche von 959 auf 1754 m² vergrößert. Der Kaiser fügte selbst entworfene Allegorien bei. Änderungen und Vergrößerungen der Bauanlagen verteuerten das Projekt um mehr als das Doppelte auf knapp 79.000 Mark. Nach Aufrufen flossen reichlich Spenden. Zahlreiche Vereine, auch aus Koblenz und Oberlahnstein, veranstalteten Konzerte, Volksfeste und Tombolas. Der Kriegerverein betrachtete den Bau als sein eigenes Anliegen und ließ auf der Außenseite eine lebensgroße Figur des Erzengels Michael anbringen. Daher verzichtete der Kaiser auf seine Gestaltungsvorschläge. Er gewährte am 23. November 1900 sein „allerhöchstes Gnadengeschenk“ von 5.000 Mark.

Die Einweihung der Wallfahrtskapelle, zugleich Kriegergedächtniskapelle, wurde groß gefeiert. In Vertretung des Kaisers nahm der Oberpräsident der Rheinprovinz teil. Domdekan Generalvikar Hilpich segnete die Kapelle. Der Festakt wurde musikalisch von der Lahnsteiner Chören mitgestaltet. Das Festkomitee sandte je eine Ergebenheitsadresse an Papst Leo XIII. und Kaiser Wilhelm II., letzterer bedankte sich telegrafisch.

Zahlreiche christliche Darstellungen schmücken die Kirche, beispielsweise außen eine Kreuzigungsgruppe und unter dem Altar das von außen begehbare Heilige Grab, im Inneren der Rosenkranzaltar und der Kriegergedächtnisaltar, alle erstellt von dem Lahnsteiner Bildhauer Caspar Weis. Eine Ansichtskarte von 1910 zeigt die Erstausstattung, darunter plastische Kreuzwegstationen aus Gusseisen, die von Lahnsteiner Bürgern gestiftet worden waren, und den Rosenkranzaltar noch als Flügelaltar. Aus der alten Kapelle Trarbachs stammt die Doppelmadonna, die heute über dem neuen Altar hängt. Dieses barocke Gnadenbild der „Madonna im Rosenkranz“ stellt die letzte Station des Wallfahrtsweges der 15 Geheimnisse des Rosenkranzes dar.

Zunächst hatte die Niederlahnsteiner Pfarrgeistlichkeit den Gottesdienst in der neuen Wallfahrtskirche mitversehen, während die alten Gebäude mit den zugehörigen Ländereien verpachtet und als Gastwirtschaft genutzt wurden. 1919 übernahm die Gesellschaft der Oblaten der makellosen Jungfrau Maria (OMI/Hünfelder Oblaten) das Anwesen als ihr Kloster und den Gottesdienst in der Wallfahrtskirche. Das Kloster wurde aus Nachwuchsmangel im Jahr 2012 aufgegeben und verkauft. Neues Leben zog ein und mit ihm auch Gastronomie, das Café Pilgerstübchen, das die Räumlichkeiten der alten Kapelle von 1671 mitbenutzt.

Anfang der 1960er Jahre und 1991 fanden größere Renovierungen in der Allerheiligenbergkapelle statt, deren Eigentümerin heute die Pfarrei St. Martin und St. Damian Rhein-Lahn ist. Der im Jahr 1983 gegründete Förderkreis Allerheiligenberg kümmert sich mit viel Eigenleistung und finanziellem Engagement darum, dass die Kapelle auch heute noch ein Schmuckstück für die Stadt Lahnstein und ein beliebter Anziehungspunkt für Besucher ist.