Heute würde sich niemand aufregen, wenn das Amtsgericht Lahnstein von der Hochstraße in die Bahnhofstraße verlegt würde. Aber vor 150 Jahren war das anders, denn Ober- und Niederlahnstein waren noch zwei selbständige Städte, die an ihr eigenes Prestige dachten.
Nach der Annektierung des Herzogtums Nassau durch Preußen erfolgte im Juli 1867 eine neue Justizverfassung. Diese trennte Rechtspflege und Verwaltung. Nur die bürgerliche Rechtspflege und die freiwillige Gerichtsbarkeit verblieben den Gemeindebürgermeistern. Oberlahnstein erhielt eines von zwölf Amtsgerichten, die dem Kreisgericht Limburg unterstellt waren. Oberstes Gericht im Regierungsbezirk Wiesbaden war das Appellationsgericht in Wiesbaden.
Zum Amtsgerichtsbezirk gehörten Oberlahnstein, Niederlahnstein, Miellen, Nievern, Fachbach und Frücht. Die Stadt Oberlahnstein beschloss zwar Geld für den Bau eines Kreisgerichts bereitzustellen, da ein solches „mit vielen und bedeutenden Vorteilen für die Stadt verknüpft sei“, doch ein Neubau unterblieb. Das Amtsgericht kam in die ehemalige Salkellerei, in der Hochstraße neben der Pfarrkirche. Als Amtsgefängnis bot man zuerst den neben der Kellerei gelegenen früheren Bullenstall nebst Salturm an, später im Jahr 1875 das Erdgeschoss des (Alten) Rathauses. Philipp D`Avis (1827-1902) wurde der erste Amtsrichter. Allein wegen der schlechten Wohnungsverhältnisse erfolgte ein Zerwürfnis zwischen ihm und Bürgermeister Carl Eduard Reusch.
D`Avis betrieb bei seiner vorgesetzten Behörde die Verlegung des Gerichts nach Niederlahnstein. Obwohl die Stadt Oberlahnstein alles aufbot, um die Verlegung rückgängig zu machen und am 7. März 1876 ausreichend Geld für einen Neubau genehmigte sowie eigens zwei Vertreter nach Berlin sandte, erfolgte am 1. Juli 1876 die Verlegung des Amtsgerichts nach Niederlahnstein. Bürgermeister Christoph Strobel von Niederlahnstein (im Amt von 1864-1905) lockte mit dem Umbau eines dreigeschossigen Wohngebäudes nebst Scheune und Hofraum in der heutigen Johannesstraße, das die Stadt von den Erben der Witwe Staas abgekauft hatte. Nach dem Einzug wurde die Straße in Gerichtsstraße umbenannt. Dem Amtsgerichtsrat Philipp D`Avis, mit dem der Vertrag 1876 abgeschlossen worden ist, wurde am 21. Oktober 1899 anlässlich seiner Pensionierung die Ehrenbürgerwürde der Stadt Niederlahnstein verliehen.
Eine völlige Umgestaltung erfuhr das Rechtswesen durch die Reichsjustizreform 1877, insofern der größte Teil des Wiesbadener Regierungsbezirks zum Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt kam. Niederlahnstein war nun eines von 17 Amtsgerichten, die dem Landgericht Wiesbaden nachgeordnet waren.

Nachdem das Amtsgerichtgebäude mit den Jahren zu klein wurde, erfolgte 1912 am heutigen Standort in der Bahnhofstraße ein Neubau, der 1930 erweitert wurde.
Der Bezirk des Amtsgerichts Lahnstein war durch die Auflösung der Amtsgerichtsbezirke Braubach (1932), Bad Ems (1967), Naststätten (1967) und St. Goarshausen (1975) nicht unerheblich vergrößert worden. Die Ausweitung der Geschäfte und die Übernahme weiterer Gerichte nach der Justizreform brachte einen erhöhten Raumbedarf mit sich, so dass zunächst die im Erdgeschoss befindliche Dienstwohnung des Aufsichtsbeamten der Jugendarrestanstalt aufgegeben und 1976 das ehemalige Gerichtsgefängnis, spätere Jugendarrestanstalt, zu Dienstzimmern umgebaut wurde. 2012 wurde auch das ehemalige Haus des Amtsrichters (links vom Hofeingang an der Johann-Baptist-Ludwig-Straße) für die Verwaltung umgebaut und bezogen. Außer dem Dienstzimmer des Direktors befinden sich hier die Geschäftsstelle für Familiensachen und der Sitzungsraum des Familiengerichts. So erhielt das Amtsgericht Lahnstein räumlich seine heutige Gestalt.
Aufsichtsführende Richter beim Amtsgericht Lahnstein waren nach dem Zweiten Weltkrieg: Amtsgerichtspräsident Dr. O. Krauss (1945-1952), Oberamtsrichter Dr. Peter Zimmermann (1952-1957), Direktor des Amtsgerichts Cornelius Dornbusch (1957-1974), Direktorin des Amtsgerichts Renate Rosch (1974-1990), Direktor des Amtsgerichts Jürgen Conradi (1991-2009), Direktorin des Amtsgerichts Ursula Hartmann-Schadebrodt (2009-2017) und seit 2017 Direktor Ludger Griesar.

