Als am 26. März 1945 die US-Truppen die Stadt Oberlahnstein eingenommen und ihre Panzer in Richtung Niederlahnstein in Stellung gebracht hatten, waren die ranghohen Nationalsozialisten bereits geflohen und das Wehrkommando abgezogen. Der von 1933 bis 1945 amtierende Bürgermeister Peter Weinem (NSDAP) hatte sein Amt offenbar niedergelegt. Bei all dem Durcheinander, in dem jeder nur noch an das eigene Leben dachte, erklärte sich Hotelier Ludwig Satori mit Rücksicht auf die nun anbrechende Zeit bereit, mit den US-Amerikanern über eine friedliche Kapitulation der Stadt zu verhandeln.
Er schickte Jugendliche über die gesprengte, aber noch begehbare Eisenbahnbrücke nach Oberlahnstein, um den Amerikanern auszurichten, dass die Stadt zur Übergabe bereit sei. Darauf zogen die US-Kampftruppen über diese Brücke in Niederlahnstein ein. Sie ließen sich von Satori die Lage erklären, durchkämmten alle Straßen und Häuser, nahmen Weinem und weitere Personen gefangen und führten sie ab. Satori wurde vom US-Befehlshaber der Kampftruppen zum kommissarischen Bürgermeister berufen und später von der sie ablösenden US-Besatzungsbehörde im Amt bestätigt. Sie hatte sich bei der Bevölkerung von seiner Loyalität überzeugt und vergewissert, dass er ein erklärter Nazigegner und niemals Mitglied der NSDAP war.
Wer war Ludwig Satori, an den hier anlässlich seines 75. Todestages am 29. Juli 1951 erinnert werden soll? Geboren wurde er am 28. März 1885 in Niederlahnstein als Sohn des Gastwirtes und Metzgers Peter Anton Satori und der Katharina, geb. Faust. Diese betrieben seit 1898 die Gastwirtschaft und das Hotel „Zum weißen Ross“ in der Johannesstraße. Nach dem Tod des Vaters übernahm Ludwig Satori im Jahr 1930 zusammen mit seiner ebenfalls ledigen Schwester Wilhelmine die Gastwirtschaft und den Hotelbetrieb.
1930 und 1933 trat Satori für die katholische Zentrumspartei bei den Kommunalwahlen an. Während er 1930 einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung verfehlte, schaffte er es bei den letzten freien Wahlen am 5. März 1933. Seine Partei, das katholische Zentrum, wurde stärkste Kraft mit sieben von 17 Sitzen, drei Mandate mehr als die NSDAP – und das fünf Wochen nach der sogenannten Machtergreifung in Berlin. Er wurde von seiner Fraktion als Magistratsschöffe vorgeschlagen und auf der konstituierenden Sitzung gewählt. Die NSDAP stellte nun sowohl den Bürgermeister als auch den Beigeordneten, dafür hatte der nationalsozialistische Landrat in St. Goarshausen gesorgt, der die Wahl der Stadtspitze bestätigen musste. Der Magistrat bestand aus einem Beigeordneten und vier Schöffen, die sich vom 1. April bis Ende Dezember 1933 unter Vorsitz des Bürgermeisters dreißigmal trafen.
Durch das Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1933 wurden die Gemeinderäte zu Beratern des Bürgermeisters degradiert, die sich im Jahr 1934 nur zweimal zu Sitzungen trafen, den Magistrat gab es schon nicht mehr. Mit der Entmachtung dieses demokratisch gewählten Gremiums und dem Verbot der anderen Parteien wurden aus den Gemeinderäten Ratsherren, die „von oben“ berufen wurden. Ab 1935 wurden nur dem NS-Regime genehme Leute bestellt, die nach Maßgabe der preußischen Regierung „die Struktur der Bürgerschaft widerspiegeln“ sollten. Ludwig Satori, der lange Jahre im Vorstand und bis zur Gleichschaltung als Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins tätig war, zudem als Hotelier das Vertrauen des Gastwirts- und Fremdenverkehrsgewerbes besaß, wurde daher „im Einvernehmen mit dem örtlichen Leiter des NSDAP“ für die Berufung zum Gemeinderat vorgeschlagen. Tatsächlich wurde er als einziger ohne Parteibuch am 30. Januar 1935 als Ratsherr vereidigt. Aber bereits ein halbes Jahr später wurde er abberufen, weil nur noch Parteimitglieder dem Gremium angehören durften.
Satori blieb auch in der Folge allen Gliederungen der NSDAP fern und galt zudem als „Judenfreund“. In der Reichpogromnacht am 10. November 1938 wurde er nachts durch eingeschlagene Glasscheiben im Parterre seines Hotels unsanft geweckt. Mitglieder der NS-Verbände waren über den Garten in sein Haus eingedrungen, umringten den aufgeschreckten Hotelier und seine Schwester, beleidigten sie und griffen sie tätlich an. Unter dem Vorwand, er habe in seinem Hotel Juden versteckt, durchsuchten und demolierten sie alle Räume, bis sie ohne die Gesuchten wieder abzogen.
Sieben Jahre später folgte mit dem Kriegsende auch das Ende des NS-Regimes. Bürgermeister Satori hatte die Anweisungen der Besatzungsmacht umzusetzen, wie die Requirierung von Radiogeräten und Fahrrädern bei nicht-internierten Parteigenossen, und musste diese zum Arbeitsdienst antreten lassen. Auch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und die Behebung der Wohnungsnot kosteten ihn viel Kraft. Im September 1945 erlitt er einen Zusammenbruch, bei dem er fast erblindete. In seinen Amtsgeschäften wurde er daraufhin durch seinen Stellvertreter Heinrich Hergenhahn vertreten bis Mitte November 1945 der Jurist Dr. Ernst Schäfer, ehemaliger Bürgermeister von Sinzig, von der US-Militärregierung zu Satoris Nachfolger berufen wurde.
Als Satori ihn nachträglich um ein Gehalt oder eine Aufwandsentschädigung für die Monate seiner Amtsführung bat, wollte Schäfer ihm nach Gesetzeslage nur seine Auslagen erstatten. Aber der Landrat befürwortete die Auszahlung eines Gehalts, da Satori während der Zeit seiner Dienstführung „derart Übermenschliches“ geleistet habe, wenn man an die „Heranschaffung der für das Ausländerlager notwendigen Nahrungsmittel und die Inanspruchnahme durch die Besatzung“ denkt. Letztlich führte diese Überarbeitung zu seiner Erkrankung. Ludwig Satori starb am 29. Juli 1951 im Alter von 66 Jahren in Niederlahnstein.

