Die rätselhafte Geschichte der Idilia Dubb

Idilia Dubb gehört zu den bekanntesten Rheinreisenden, die im 19. Jahrhundert Lahnstein besuchten – doch ob es sie wirklich gab und sie auf Burg Lahneck starb, ist nicht bewiesen. Handelt es sich bei der Tragödie, die sich vor 175 Jahren in Lahnstein abgespielt haben soll, um die Wahrheit oder eine Legende?

Von der Rheinromantik begeistert, unternahm die britische Familie Dubb aus Edinburgh eine Wanderung bis an die Lahnmündung. Eines Morgens in der Frühe machte sich die 17-jährige Tochter Idilia alleine mit ihrem Skizzenbuch auf zur Burg Lahneck. Als sie nicht zurückkam, wurde tagelang nach ihr gesucht – vergeblich.

Erst 1860, inzwischen hatte ein schottischer Graf als neuer Besitzer mit dem Wiederaufbau der Burg begonnen, soll man im Turm das Skelett der 17-Jährigen gefunden haben. Dabei lag auch ihr Tagebuch wettergeschützt in einer Mauernische. Das Adenauer Kreis- und Wochenblatt berichtet von diesem Fund in einem zweiteiligen Artikel im Herbst 1863. Es zitiert die Aufzeichnungen der letzten vier Tage des Mädchens bis zu ihrem Hungertod und schließt mit dem Satz: „Vater im Himmel, sei meiner Seele gnädig“.

Die Ruine der Burg Lahneck Anfang 19. Jahrhunderts, Aquarell eines unbekannten Malers (Foto: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)

Die wohl fiktiven Aufzeichnungen der Idilia Dubb vom Juni 1851 wurden 2002 als auf 219 Seiten erweiterter Roman „Das verschwundene Mädchen“ medienwirksam auf der Burg Lahneck vorgestellt. „Bestimmte Ergänzungen wurden unter Zuhilfenahme eines anderen, früheren Tagebuchs vorgenommen“, so heißt es im Vorwort. Sie beginnen elf Tage vor ihrem Tod. Idilia Dubb berichtet von der Abfahrt mit dem Zug aus Edinburgh nach London, von der Weiterfahrt mit dem Dampfschiff Batavier nach Rotterdam und der Rheinreise auf der Stolzenfels nach Koblenz. Mit ihrem Skizzenbuch bestieg sie den Bergfried der Burg Lahneck als die Holztreppe unter ihr einstürzte und sie so zum Hungertod verdammte.

Im Epilog des Buches führt Idilias Freundin und Herausgeberin, Genevieve Hill, die Geschichte weiter. Sie erzählt von der verzweifelten Suche nach Idilia im Jahr 1851, vom Fund der Leiche und des Tagebuchs neun Jahre später im Turm der Burg, von der Identifizierung der Kleidungsreste durch Mutter und Bruder im Rathaus von Oberlahnstein und von der Existenz eines ersten, vollständig beschriebenen Tagebuchs. Ein amerikanischer Schriftsteller, dessen Name nicht genannt wird, hatte 1995 die Aufzeichnungen der Idilia Dubb in einem schottischen Archiv entdeckt und sie schließlich unter Hills Namen in Schweden veröffentlicht. Passend zum Jahr der Rheinromantik 2002 erschien der Jugendroman auf Deutsch und wurde seither in mehrere weitere Sprachen übersetzt.

Doch abgesehen vom Bericht des Adenauer Kreis- und Wochenblattes finden sich in den digitalisierten Nachrichten der 1850er Jahre keinerlei Hinweise auf den Leichenfund – keine Sterbeanzeige, keine Fahndung, keine Polizeiberichte. Warum berichtete nur die Presse rund 70 Kilometer entfernt in Adenau? Und warum hielt der Finder die Tagebücher so lange verborgen? Bereits einzelne Details werfen Fragen auf: 1851 gehörte Koblenz zum Königreich Preußen, während Nieder- und Oberlahnstein bis 1866 noch zum Herzogtum Nassau zählten. Warum sollte also die Koblenzer Polizei in den Fall involviert gewesen sein? Auch Idilias Beobachtung, dass die Johanniskirche in Niederlahnstein zwei Türme besaß, stimmt nicht: Der zweite Turm war bereits 1844 eingestürzt und wurde nie wieder aufgebaut. Nur in älteren Rheinführern, vermutlich Vorlage für Hills Überarbeitung des Tagebuchs, taucht er noch auf.

Mag die Geschichte frei erfunden sein – sie bietet eine fesselnde Handlung und ein anschauliches Bild des Lebens am Rhein. Der Stoff, der weiterhin als wahre Begebenheit präsentiert wird, fand längst Einzug in Radio- und Fernsehbeiträge, inspirierte 2005 eine Oper in Koblenz und lieferte 2023 die Grundlage für einen Kinofilm.

Ob Wahrheit oder Legende – die Geschichte der Idilia Dubb fasziniert bis heute und lässt die Burg Lahneck in geheimnisvollem Licht erscheinen. Vielleicht liegt gerade in diesem schmalen Grat zwischen Fakt und Fiktion der Zauber der Rheinromantik.