Blick auf das Rathaus in Oberlahnstein 

Im Theater Lahnstein startet die Reihe „Nach dem Krieg am Mittelrhein“

Wie blickt eine Gesellschaft auf sich selbst, wenn die Waffen schweigen, aber die Wunden noch offen sind? Das Theater Lahnstein widmet sich ab März einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Zeit nach der Katastrophe. Unter dem Titel „Nach dem Krieg am Mittelrhein“ startet ein Gesamtprojekt, das wissenschaftliche Analyse und künstlerische Reflexion vereint.

Historische Einordnungen, literarische Perspektiven und biografische Zeugnisse eröffnen unterschiedliche Zugänge zu den Erfahrungen von Krieg und Nachkriegszeit am Mittelrhein. Dabei geht es nicht nur um Rückschau, sondern auch um die Frage, wie Vergangenheit Sprache, Denken und Identität bis in Gegenwart hineinwirkt.

Den Kern der Reihe bildet die zeitgeschichtliche Vortragsreihe, in der erfahrene Stadtarchivare und Privatforscher an fünf Abenden im Zeitraum vom 17. März bis 23. Juni aus unterschiedlichen lokalgeschichtlichen Blickwinkeln der Frage nachgehen, wie das Kriegsende 1945 in der Region zwischen Koblenz und Kaub ablief.

Foto aus dem Jahr 1945 in Sepia, das einen Panzer vor der zerstörten Lahnbrücke in Lahnstein zeigt. Geäst und verschiedene Gebäude sind ebenfalls abgebildet.
Ein Panzer vor der zerstörten Lahnbrücke im März 1945 (Foto: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)

Parallel zu den Fakten lässt das Rahmenprogramm die emotionalen Schicksale dieser Epochen auf der Bühne lebendig werden.

Den Auftakt macht Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“, das die Existenzangst der jungen Doris in der zerrütteten Nachkriegsordnung nach dem Ersten Weltkrieg beleuchtet und eine Brücke ins Heute schlägt. Die verlorene Generation der 1920er Jahre kämpfte mit einer unsicheren Weltordnung. Eine Erfahrung, die junge Menschen in der heutigen geopolitischen Lage schmerzhaft nachempfinden können. Gespielt wird an verschiedenen Wochenendterminen vom 06. bis 22. März.

Drei Männer und eine Frau sitzen in einer Reihe nebeneinander und schauen in die Kamera.
Das Ensemble von „Heute zwischen gestern und morgen“ (Foto: Thomas Naethe)

Mit Janne Tellers „Krieg – Stell Dir vor, er wäre hier“ wird die Perspektive radikal gewechselt: Das Publikum wird mit dem Gedankenexperiment konfrontiert, wie es wäre, wenn Deutschland heute ein Kriegsgebiet wäre und die Bevölkerung selbst fliehen müsste. Gespielt wird am 18. und 19. April.

Die Lesung mit Musik „Heute zwischen gestern und morgen“ am 24. April ist eine Hommage an den pazifistischen Humanisten Kurt Tucholsky, dessen Texte und Chansons von Frank Eller, Ulrich Cleves und Thomas Gramen unterhaltsam in Szene gesetzt werden.

Der Chansonabend „Leben, Liebe, Krieg“ am 03. Mai verknüpft Texte von Autoren wie Erich Maria Remarque, Mathias Claudius, Kurt Tucholsky, Karl Kraus und Hugo von Hoffmannsthal mit Songs über das Heimkehren und die Zerbrechlichkeit der Liebe in Zeiten globaler Konflikte.

Zum Abschluss folgen zwei Lesungen in Kooperation mit der Stadtbücherei Lahnstein. Einen regionalen Schwerpunkt setzt die szenische Lesung am 09. Mai aus dem „Wackershofer Tagebuch“ von Anton Gabele, der die Nazis verachtete, die Alliierten aber nicht als Befreier empfand. Das Tagebuch ist ein ebenso seltenes wie authentisches Zeugnis für die Stimmungslage vieler Deutscher während der schwierigen Monate zwischen 1944 und 1945.

Am 19. Juni liest die gebürtige Lahnsteinerin Dagmar Leupold aus ihrem neuesten Buch „Muttermale“, in dem sie untersucht, wie die unsichtbaren Spuren von Krieg und Schuld über Generationen hinweg in Biografien weiterwirken.

Weitere Informationen zu den Terminen und Tickets sind unter www.theaterlahnstein.de erhältlich.