Vor 100 Jahren begann das Jahr mit Hochwasser

In den 1920er Jahren waren am Rhein-Lahn-Eck gleich drei schwere Hochwasser zu verzeichnen, das erste zur Jahreswende 1919/20, im November 1924 und zur Jahreswende 1925/26, also vor genau 100 Jahren. Das Wasser stand am 1. Januar 1926 fast so hoch wie das spätere Jahrhunderthochwasser an Weihnachten 1993.

Straßenkreuzung Emser Straße / Brückenstraße: Pfarrer Ludwig mit Messdienern auf dem Rückweg einer Beisetzung. Im Hintergrund die alte Barbarakirche auf dem Kirchplatz

Niederlahnsteins Bürgermeister Wilhelm Rustenbeck schrieb umgehend Bittbriefe an den Reichskanzler, an den preußischen Ministerpräsidenten, an den Oberpräsidenten in Kassel, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden und an den Landrat in St. Goarshausen, dass die Stadt „die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit überschritten“ habe. In einem weiteren Schreiben vom 7. Januar 1926 an die Landtags- und Reichstagsabgeordneten nach Berlin bilanzierte er: „Der diesmalige Wasserstand hat denjenigen von 1920 noch um 15 cm überschritten. 243 Wohnhäuser mit insgesamt 1.200 Wohnräumen und etwa 750 Kellerräumen standen mehr oder weniger im Wasser. 792 Familien mit 2.572 Personen haben mehr oder weniger gelitten. Ihr Unglück beginnt eigentlich erst jetzt, wo es an die finanzielle Heilung der Schäden an Haus, Wohnungseinrichtung, Stall und dergleichen geht.“ In dem mehrseitigen Schreiben bat er um finanzielle Hilfe zur Linderung der Not und Beseitigung der Schäden sowie um vorbeugende Maßnahmen, wie den Bau eines Hochwasserschutzdamms. Der Landrat von St. Goarshausen ließ zunächst 14.500 Reichsmark auszahlen, worauf Rustenbeck ausführte, dass allein zum Austrocknen der Wohnräume 1.500 Zentner Koks und 1.200 Zentner Kohle für 10.200 Mark bestellt seien. Weiteres Geld werde für die Gerätschaften, darunter Miete von Nachen, Koksöfen, Holzböcke, Gummistiefel, für Hilfeleistungen der Hilfsmannschaften wie Fährdienst und Aufräumarbeiten, für den Ausfall der Arbeitslöhne und für das Unterbringen von Familien, deren Wohnräume auf absehbare Zeit unbewohnbar sind, benötigt. Letztere wurden in den Gasthäusern und im Krankenhaus untergebracht.

Auf dem Übersichtsplan von Niederlahnstein ist der Überflutungsbereich des verheerenden Hochwassers mit dem Höchststand vom 1. Januar 1926 blau markiert: der dicht bebaute Stadtkern entlang Emser- und Johannesstraße sowie die gesamte Mark (Fotos: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)

Laut Verwendungsnachweis wurden bis Ende März 1926 den privaten Hochwassergeschädigten zur ersten Linderung 19.732 Mark und bis August 1927 weitere 66.061 Mark ausgezahlt. Diese Hilfen wurden größtenteils als Darlehen gewährt und mussten mit Zinsen zurückgezahlt werden. Allerdings hatten die Geschädigten noch die 1924 gewährten Darlehen mit Zinsen zurückzuzahlen, was angesichts der Schadenswiederholung jetzt unmöglich schien. Daher bemühte sich Bürgermeister Rustenbeck um die Niederschlagung der Darlehen von 1924, was schließlich im Jahr 1929 gewährt wurde; allerdings mussten die Zinsen gezahlt werden. Die öffentlichen Schäden vom Hochwasser 1926 wurden von der Abschätzungskommission mit 28.297 Mark geschätzt, die Industrieschäden mit knapp 15.000 Mark. Insgesamt wurden der Stadt Niederlahnstein von Staat, Kreis und Bezirksverband 105.500 Mark für die erlittenen Hochwasserschäden zugeteilt, davon 40.000 Mark als Zuschuss und 65.000 Mark als Darlehen.

Bereits 1924 wurde in Niederlahnstein eine freiwillige Wasserwehr gegründet, die beim Hochwasser 1925/26 ihre „Feuertaufe“ bestand. Die angeschafften Holzstege und eisernen Pontons kamen erstmals zum Einsatz und verhalfen der leidgeprüften Bevölkerung während des rund zweiwöchigen Hochwassers, in ihre Häuser zu gelangen und sich das Notwendigste zu besorgen.

In Oberlahnstein waren vor allem die Fabriken am Rhein- und Lahnufer betroffen, die Rheinanlagen sowie das Haus des Brückenwärters Karl Knipp am Lahnufer, das schwer beschädigt wurde und anschließend abgerissen werden musste. Die ortsansässigen Fotografen hielten die überfluteten Straßen und Gebäude auf Zelluloid fest. Da Fotografieren noch eine Seltenheit war, posierten die betroffenen Anwohner gerne für den Fotografen.