19. Februar 2021 Kategorie: Pressemitteilungen

Vor 65 Jahren: Kastenschlittenfahren am „Bernche“ Allerheiligenbergstraße

Lahnstein hat Geschichte, Folge 636

Ein mit zwei Jungen besetzter Kastenschlitten beim Sprung über die Querrinne, vermutlich Februar 1956. Rechts die Bohnenstange. An der Seite schaut mit Hut Toni Schlösser zu. (Foto: Stadtarchiv Lahnstein)

Heinz Born mit seinem 1955 fertiggestellten Zweier-Kasten von 77 cm Länge, 41 cm Breite und 14 cm Höhe (Foto: Bernd Geil / Stadtverwaltung Lahnstein)

Die derzeitigen Wetterverhältnisse lassen ältere Mitbürger von ihren Rodelerlebnissen als Jugendliche schwärmen. In Niederlahnstein lockte Anfang und Mitte der 1950er Jahre die noch wenig frequentierte Allerheiligenbergstraße von hoch oben, wo das Gefälle am größten ist, hinunter bis zum „Brückelchen“ unterhalb des Friedhofs als Schlittenbahn. Nach Schulschluss waren hunderte von Kindern und auch Erwachsenen mit ihren Schlitten unterwegs. Die „Profis“ hatten schwere handgefertigte Kastenschlitten aus stabilem Eichenholz, die alleine schon bis zu 50 kg wogen und je nach Länge von zwei oder drei Jugendlichen besetzt sein konnten. 

Der Ur-Niederlahnsteiner Heinz Born hat noch einen solchen selbstgebauten Kastenschlitten aus dem Jahr 1955 aufbewahrt. Born erinnert sich: Gestartet wurde je nach Zustand der Bahn: Anfänger und Kinder im noch nicht schulpflichtigen Alter starteten meist am „Kellerchen“ (Stollenbunker oberhalb des Friedhofs) oder bei den „Drei-Tannen“ (Treppenaufgang zur evangelischen Kirche), etwas Mutigere am „Billchen“ (oberhalb der Kurve) oder ab „Tells Greta“, einer Waldschenke bei der Weggabelung zwischen den Straßen Im Lag bzw. Am Allerheiligenberg. 

Die Profis begannen meist hoch oben am Wasserbehälter. Hier war das Gefälle noch gering, aber vom „Billchen“  an ging es steil bergab. Oft geriet schon hier der schwere Kastenschlitten aus der Bahn, denn bis zur Kurve am Eingang der Kleinen Hohl war der Weg damals noch nicht geteert, Schottersteine ragten aus dem hartgefrorenen Schnee und brachten den Schlitten außer Kurs. Nicht wenige landeten deshalb zuerst mal an der Mauer zur „Kleinen Hohl“. 

War dieses Hindernis überwunden, dann begann der aufregendste Teil der Fahrt. In rasantem Tempo ging es nun auf die „Drei-Tannen“ zu. Hier standen stets besondere „Warnposten“, welche mit „En Kaste!!!“ weithin schallend die bevorstehende Ankunft eines schweren Kastenschlittens ankündigten. Das war das höchste Alarmzeichen für jüngere Kinder mit ihren zerbrechlichen Rodelschlitten unverzüglich die Bahn zwischen den „Drei-Tannen“ und dem „Brückelchen“ zu räumen.

Und dann kamen sie an, mit hochroten Gesichtern vom eiskalten Fahrtwind, die Zähne zusammengepresst und mit starrem Blick die gefährlichste Stelle der ganzen Bahn, auf die Querrinne kurz vor dem Eingang zum Friedhof. Der Schlittenführer hielt mit beiden Händen eisern eine lange schwere Bohnenstange im Griff, hiermit wurde der „Kasten“ gesteuert. Der Schlitten hatte eine unheimliche Fahrt mit seinen über vier Zentnern (einschließlich Besatzung). Wehe, wenn ein anderer Schlitten ihm in die Quere gekommen wäre. 
Dann der dramatische Augenblick: Ein Schrei des Schlittenführers „Festhalle!“ Die Beifahrer umklammerten dann den schweren Kastenschlitten in einer kleinen Griffausbuchtung mit aller Macht. Dann ein gewaltiger Satz, oft bis zu eineinhalb Meter hoch und bis zu zehn Meter weit. Der Schlitten musste während des Flugs ausbalanciert werden, auch das anschließende knallharte Aufsetzen auf der hartgefrorenen Bahn. Wer hier nicht richtig „festgehalten“ hätte, dem wäre der Schlitten mit Wucht unter dem Hintern weggerissen worden und man wäre steuerlos gegen ein Hindernis geprallt.

Bei Beerdigungen war das „Bernche“ von der Leichenhalle in der Bergstraße bis zum Friedhof mit scharfkantigen Schlacken bestreut. Das hatte zur Folge, dass ein manchmal mit 70 bis 80 km/h hinunterkommender „Kasten“ durch die Schlacken auf nur einige Meter abrupt gebremst wurde. Durch die Fliehkraft wurden die Fahrer regelrecht vom Schlitten hinuntergerissen, purzelten durcheinander und zogen sich nicht selten schwere Schleif- und Schnittwunden zu.

An Sonn- und Feiertagen fuhren Klein und Groß oft bis in die späte Nacht hinein. Wenn die Bahn allmählich zu stumpf wurde, wurde sie „nach Betriebsschluss“ per Gießkanne mit Wasser aus der Quelle im „Kellerchen“ und aus dem Wasserbecken der Gärtnerei Knoche wieder spiegelglatt gemacht, um das Tempo und damit den Reiz der Gefährlichkeit zu erhöhen. Natürlich ging es nie ohne kleinere Unfälle ab: In dem nahe gelegenen Krankenhaus in der Bergstraße war man alljährlich schon darauf vorbereitet.