18. November 2020 Kategorie: Pressemitteilungen

Volkstrauertag: Stilles Gedenken in Lahnstein

Der Opfer der Kriege, des Terrors und der Gewalt gedacht

Die Kränze auf dem Ehrenfriedhof in Oberlahnstein. Ein besonderer Dank galt auch den Kranzspendern, dem VdK und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

v.l.n.r.: General André Bodemann, Bürgermeister Adalbert Dornbusch, Rhein-Lahn-Nixe Sira I. und Günter Groß vom KVL. (Fotos: Tina Schmidt / Stadtverwaltung Lahnstein)

Traditionell findet auch in Lahnstein jährlich eine Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag statt, die jedoch in diesem Jahr aufgrund der Covid-19-Pandemie abgesagt wurde. Dennoch war es der Stadt Lahnstein wichtig, am 15. November 2020 ein stilles Gedenken abzuhalten. So versammelten sich auf dem Ehrenfriedhof in Oberlahnstein General André Bodemann, Bürgermeister Adalbert Dornbusch, Rhein-Lahn-Nixe Sira I. und Günter Groß vom Kur- und Verkehrsverein (KVL), um ganz bewusst ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen und in Stille der vielen Kriegs-, Gewalt- und Terroropfer zu gedenken, die es bis heute gibt.

Ursprünglich wurde am Volkstrauertag den gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnert. Mittlerweile gedenkt man aller Opfer der Kriege, des Terrors und der Gewalt.

Dass der Volkstrauertag auch heute noch eine hohe Bedeutung hat wurde ganz besonders in der Ansprache des eigentlichen Festredners, General André Bodemann, zum Ausdruck gebracht. Denn „der Volkstrauertag gibt uns neben dem Gedenken und dem Nicht-Vergessen noch eine zweite besondere Aufgabe – die Mahnung! Die Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf und dass wir wachsam bleiben müssen! Der Volkstrauertag ist in dieser Botschaft sehr aktuell und zugleich überzeitlich. Er weist uns als Demokraten darauf hin, auf welchem Fundament unsere Rechtsordnung und unser Gemeinwesen gründen und welch hohen und unantastbaren Wert die Menschenwürde in unserem Staat darstellt. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

 

 

Die vollständige Ansprache von General Bodemann

Gedanken
Kommandeur Zentrum Innere Führung, Generalmajor André Bodemann
am 15. November 2020 zum Volkstrauertag

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Lahnstein,

in diesem Jahr ist alles anders. Die COVID-19-Pandemie macht alles anders. So kann es in diesem Jahr aus nachvollziehbaren Gründen auch keine öffentliche Veranstaltung zum Volkstrauertag in der Stadt Lahnstein geben.

Verzichten wir deshalb auf den Volkstrauertag in diesem Jahr? Nein, denn unser Gedenken bleibt Verpflichtung, auch wenn sich der Rahmen dafür ändert.

Für den ein oder anderen Menschen, der das Glück hat, in einer Demokratie und in einem Land wie der heutigen Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen zu sein, mag die Betrachtung der Vergangenheit unwirklich, kaum begreifbar und weit entfernt sein. Dort fehlen die Erfahrungen aus zwei furchtbaren Kriegen, der menschenverachtenden totalitären NS-Diktatur mit Rassenwahn und staatlich organisiertem Völkermord sowie aus einem geteilten Deutschland mit der DDR als einem alles andere als Rechts- im jeden Fall jedoch Überwachungsstaats. Und je länger gerade die beiden Weltkriege und die dunkelste Zeit Deutschlands zurückliegen, desto mehr stellt sich vielleicht die Vorstellung und das Empfinden ein, der Volkstrauertag sei nichts als ein bloßes Ereignis im Jahreskalender, welches immer mehr einem leeren Ritual ausschließlich älterer Generationen gleiche. Dies kann ich als Soldat und Staatsbürger in Uniform, nicht nachvollziehen.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges vor etwas mehr als 75 Jahren ist dabei eine wichtige Markierung, um sich über die Notwendigkeit von Gedenken und Erinnerung Klarheit zu verschaffen. Vor allem aber, um zu mahnen, alles Notwendige dafür zu tun, dass derartige Kriege und das damit verbundene Leid für Millionen von Menschen nie wieder geschehen können. Der Volkstrauertag gibt dazu besondere Gelegenheit. Wir wollen den Opfern und Toten gedenken. Wir wollen aber auch in Erinnerung rufen, dass das Gedenken in würdiger Form kein leeres Ritual und keine lästige Pflichtübung bedeutet. Der Opfer und Toten hingegen nicht zu gedenken, hieße, eine unmoralische Pflichtvergessenheit bewusst zu begehen.

In Lahnstein finden wir gleich mehrere besondere Orte des Gedenkens. Unter anderem ist dies der vor genau 60 Jahren neugestaltete Ehrenfriedhof Oberlahnstein an der Sebastianusstraße, auf dem über 200 Gefallene des Zweiten Weltkriegs bestattet sind und an dem der weiteren Gefallenen, Vermissten oder an den Kriegsfolgen verstorbenen Soldaten aller Nationalitäten und der zivilen Opfer gedacht wird. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch der Ehrenfriedhof von 1914/18 sowie ein Sandsteinobelisk für die Toten des Deutsch-französischen Krieges 1870/71, die vor genau 150 Jahren fielen. Auch Ihrer wollen wir heute besonders gedenken. Ein weiterer besonderer Ort des Gedenkens ist das Ehrenmal in Friedrichssegen, an dem die die Bürgerinnen und Bürger nicht allein ihrer in den Weltkriegen Gefallenen gedenken, wie dies heute in so vielen Gemeinden unseres Landes geschieht. Hier gedenken wir besonders auch der im Nationalsozialismus vertriebenen, deportierten sowie im Menschheitsverbrechen „Holocaust“ ermordeten jüdischen Mitbürger der Stadt. Damit steht der Gedenkstein für die ganz besondere Verpflichtung, die Konturen des individuellen Leides nicht weich zu zeichnen, sie nicht zu verwischen und keinesfalls gar zu löschen.

Der Volkstrauertag gibt uns neben dem Gedenken und dem Nicht-Vergessen noch eine zweite besondere Aufgabe – die Mahnung! Die Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf und dass wir wachsam bleiben müssen! Der Volkstrauertag ist in dieser Botschaft sehr aktuell und zugleich überzeitlich. Er weist uns als Demokraten darauf hin, auf welchem Fundament unsere Rechtsordnung und unser Gemeinwesen gründen und welch hohen und unantastbaren Wert die Menschenwürde in unserem Staat darstellt. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Gedenken am Volkstrauertag heißt auch stets, sich mit schmerzhaften Fragen der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen: „Wie konnte dies geschehen? Warum, wodurch und wie haben sich Menschen in der Vergangenheit schuldig gemacht und warum machen sich Menschen auch heute wieder schuldig?“

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist wichtig für den Fortbestand unserer Demokratie. Es ist wichtig und unerlässlich, sich diesen Fragen zu stellen und gegen Gewalt und Unrecht anzutreten - insbesondere heute, wo populistische und auch extremistische Tendenzen unseren demokratischen Konsens in Zweifel ziehen. Hier zählt die Courage jedes einzelnen Staatsbürgers zum Erhalt des Rechtsstaats, mit dem Willen zur Verständigung und der Pflicht zur Verantwortung. Dies ist aus meiner festen Überzeugung die Botschaft des Volkstrauertages; es ist der Auftrag an uns, gegeben von jenen, die im Gedenken angesprochen sind und derer wir uns heute an dieser Stelle erinnern. Dies ist nicht einfach, aber auch keine Bürde, sondern immerwährende Verpflichtung! Dies ist Voraussetzung für ein gegenwärtiges und künftiges Leben in Würde und Humanität.

In diesem Zusammenhang stellt sich für uns Soldaten, die sich individuell in der Wahl ihres Berufes selbstkritisch zu prüfen haben, die grundlegende Frage:  Bin ich tatsächlich bereit, in letzter Konsequenz mein Leben im Dienst der Bundesrepublik Deutschland einzusetzen, also das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen? Diese Frage ist auch elementarer Bestandteil der Führungskultur der Bundeswehr, der Inneren Führung. Die Innere Führung, die vor 70 Jahren im Eifelkloster Himmerod ihren Anfang nahm, hat sich in ihren wesentlichen Zügen bis heute bewährt. Sie wird auch in Zukunft den Dienst und das Selbstverständnis deutscher Soldaten prägen. Nach der Grundidee der Himmeroder Denkschrift sollte gerade aus dem Erlebten des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur mit den neuen Streitkräften auch etwas ganz Neues geschaffen werden. Und das Innere Gefüge, heute die Innere Führung, sollte dabei gewährleisten, dass die Streitkräfte nicht wieder Teil eines Unrechtsregimes werden können, sondern in der Mitte der Gesellschaft bleiben und dass die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ihren Auftrag aus innerer Überzeugung erfüllen und dabei für Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie als die leitenden Werte unseres Staates eintreten.

Insofern darf für uns alle, aber gerade auch für uns Soldaten, der Volkstrauertag kein leeres Ritual und keine lästige Pflichtübung sein! Deshalb verzichten wir auch in diesem Jahr – aller widrigen Umstände zum Trotz – nicht auf den Volkstrauertag!

Ich verneige mich vor den Opfern von Terror und Gewalt, von Vertreibung und Verfolgung, und vor denen, die im Widerstand gegen das Unrecht ihr Leben ließen. Und schließlich verneige ich mich auch vor allen, die als Soldat, Polizist, Entwicklungshelfer oder in welcher Funktion auch immer ihr Leben im Dienst und Einsatz für unser Land gegeben haben.

Ihr
André Bodemann