08. November 2019 Kategorie: Pressemitteilungen

Bomben auf Lahnstein – der Luftkrieg vor 75 Jahren


„Sandgasse 1944“ (Slg. Stadtarchiv Lahnstein)

Collage „Familie Siegfried“ (Slg. Helmut Kuhn)

Lahnstein. Vor 75 Jahren tobte der Zweite Weltkrieg. Niederlahnstein und Oberlahnstein wurden im Herbst 1944 zu einem Drittel zerstört. 492 Menschen, darunter 320 Zivilisten, ließen bis Ende März 1945 auf Lahnsteiner Gemarkung ihr Leben. Außerdem fielen über 600 Lahnsteiner Soldaten auswärts, die meisten im Westen und Osten Europas.

Viele älteren Mitbürger denken mit Schrecken an den 11. November 1944, 2. Dezember und 26. Dezember 1944 zurück, an denen Sprengbomben das größte Leid in ihren Familien verursachten.

Es war um kurz vor 11 Uhr am 11. November 1944, als wieder ein Vollalarm gegeben wurde und starke feindliche Bomberverbände über dem Moseltal bei Koblenz gemeldet worden waren. Das schwere Motorengebrumm der aus dem Raum Rhens anfliegenden Verbände war bereits zu hören, als sie noch eine Flugstrecke von ca. zehn Kilometern entfernt waren. Die letzten Einwohner suchten ihren Luftschutzkeller auf oder nutzten andere Unterstände.

Am Klang der Motorengeräusche ließ sich verfolgen, dass die Bomberverbände auf Tiefe, also Zielnähe gingen, und schon hörte man immer näher kommend die Detonationen der abgeworfenen Bomben.

Zunächst glaubte man, dass es sich um einen Angriff auf den großen Güterbahnhof handeln würde und die Stadt verschont bliebe. Die Hoffnung erfüllte sich leider nicht. Das immer näher kommende Krachen der berstenden Bomben sowie die gellenden Hilfeschreie der aus den Häusern stürzenden Bewohner bewiesen, dass die feindlichen Bomberverbände Tod und Verderben in die schutzlos unter ihnen liegende Stadt Lahnstein brachten.

Als der letzte Bomber seine schwere Last abgeworfen hatte, kam die Bevölkerung aus den Kellern und Unterständen und sah, was die Bomber angerichtet hatten. Furchtbar sah es in den einzelnen Stadtteilen aus. Ganze Häuserreihen lagen in Schutt und Asche, die öffentlichen Gebäude blieben auch nicht verschont. Sandgasse und Mittelstraße waren besonders hart getroffen. Das katholische Gesellenhaus in der Wilhelmstraße (gegenüber dem Schillerpark) war komplett zerstört, die Wasserversorgung fiel ganz aus.

Technische Nothilfe und Feuerwehr begannen mit den Rettungsaktionen. 222 Tote wurden registriert, darunter in den Häusern an der Ecke Adolfstraße / Gutenbergstraße: 23 Tote, Adolfstraße zwischen Frühmesser- und Burgstraße: ein Toter, Adolfstraße zwischen Schulstraße und Südallee: 29 Tote, Adolfstraße zwischen Südallee und Martinsstraße: 13 Tote, Bahnhof: ein Toter, Obere Burgstraße: 14 Tote, Frühmesserstraße: 16 Tote, ehemaliges Gymnasium Gymnasialstraße: sieben Tote, Hintermauergasse (Keller im Haus neben dem Stadtmauerhäuschen): 22 Tote, Mittelstraße 6: neun Tote, Mittelstraße 18a: ein Toter, Mittelstraße 24: sechs Tote, Mittelstraße 42: zwei Tote, Mittelstraße 54/56: zehn Tote, Mittelstr. 62/71/81: 14 Tote, Ostallee 44: zwei Tote, Sandgasse 7/8: elf Tote, Stauffenbergstraße 11: vier Tote, Steinkauterweg 14/16/18: elf Tote, Südallee 10/16/18/22: 19 Tote sowie Wilhelmstraße: sieben Tote.

Das Grauen der Zerstörung blieb viele Jahre in der Stadt sichtbar. Der Luftangriff vom 11. November 1944 war das schwerste Unglück, das die Stadt Lahnstein in ihrer über 1000-jährigen Geschichte getroffen hat (siehe Foto der Sandgasse). Weitere schwere Luftangriffe folgten, darunter derjenige am 2. Weihnachtstag 1944 auf den Bahnhof Niederlahnstein mit 160 Toten.

In Oberlahnstein, Niederlahnstein und Friedrichssegen wurden Gedenkstätten für die vielen Toten errichtet. Den Verstorbenen wird alljährlich am 11. November gedacht, wenn alle Lahnsteiner Kirchenglocken ab 11.44 Uhr läuten. Am Volkstrauertag, Sonntag, 17. November, findet  um 11.00 Uhr die zentrale Feier der Stadt Lahnstein auf dem Friedhof an der Allerheiligenbergstraße statt. Michael Eisenbarth bietet am Sonntag, 10. November, um 14.00 Uhr eine Führung auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs durch Oberlahnstein an (Treffpunkt: Altes Rathaus, Teilnahmegebühr: 5,00 Euro).

Das Stadtarchiv Lahnstein wird mit einer Ausstellung an diese furchtbare Zeit erinnern, mit der Botschaft, dass sich so etwas nie wiederholen möge. Diese Dokumentation wird vom 12. bis 30. März 2020 in der Hospitalkapelle Lahnstein zu sehen sein. Wer als Zeitzeuge persönlich oder durch Abfassung eines Zeitzeugenberichts mitwirken kann, wird gebeten, sich beim Stadtarchiv zu melden (Tel.: 02621 914-296).

Mit einem Zeitzeugenbericht soll an die Familie Siegfried erinnert werden.

Oberzugschaffner Heinrich Siegfried wohnte mit Frau und zehn Kindern im Dachgeschoss der „Alten Jungenschule“ in der Schulstraße. Elisabeth Kuhn, eine seiner beiden Töchter, gebar am 11. August 1944 in Oberlahnstein den kleinen Helmut, der heute in Mannheim lebt. Helmut Kuhn weiß zu berichten, dass sieben Söhne von Heinrich Siegfried als Soldaten im 2. Weltkrieg dienten. Fünf von ihnen überlebten, zwei fielen 1941 bzw. 1943.

Sohn Peter fiel am 4. März 1943 in Bosnien. Die Familie erzählt sich, dass der damals 35-Jährige Soldat in seiner Eigenschaft als Sanitäter beim Einsatz zur Rettung von verwundeten Soldaten offensichtlich von Partisanen erschossen worden ist. Ein Brief, den Heinrich Siegfried seinem Sohn Peter an die Front schrieb, kam mit dem Vermerk zurück „Gefallen für Großdeutschland“. Helmut Kuhn, der den Brief aufgehoben hat, hat auch weitere Fotos. Sie zeigen Peters Frau Magdalena mit ihren beiden Söhnen Dieter und Werner. Auf dem Arm trägt Magdalena ihren Neffen, Helmuts Bruder Siegfried Kuhn. Das Foto entstand unmittelbar vor dem 11. November 1944. An jenem Samstag zählte auch Magdalena Siegfried mit ihren beiden Söhnen zu den Todesopfern, als das Wohnhaus Adolfstraße 50 (damalige Hausnummer) vollkommen zerstört wurde. Eine ganze Familie wurde somit ausgelöscht.

Auch die Wohnung von Heinrich Siegfried in der alten Schule existierte nicht mehr, die Familienmitglieder wurden verschüttet, aber gerettet. Feuerwehrmann Paul Lambrich hatte sie aus den Trümmern geholt, so auch Helmut Kuhn, der mit Bruder und Mutter anschließend nach Nochern evakuiert wurde. Helmuts Vater Hugo Kuhn war zu dem Zeitpunkt an der Front. Er kam nach dem Krieg 1949 als Bahnpolizist bei einem Zugunglück ums Leben. Die den Krieg überlebenden Söhne von Heinrich Siegfried kamen teilweise erst nach einigen Jahren aus russischer Gefangenschaft frei.


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