08. November 2018 Kategorie: Pressemitteilungen

Der Erste Weltkrieg in Lahnstein (1914-1918)


Foto: „Reservelazarett Niederlahnstein“, an der Eingangspforte vom Johanniskloster fotografiert, um 1916 (Slg. Stadtarchiv Lahnstein)

Lahnstein. Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg begann, zeigte sich auch in Lahnstein Mut, Entschlossenheit und feste Hoffnung auf den Sieg. Die ausrückenden Soldaten wurden in Oberlahnstein vor dem Bezirkskommando in der Wilhelmstraße mit Militärmusik und patriotischen Liedern verabschiedet. Schon seit Jahren hatte das für die Rekrutierung zuständige Bezirkskommando besondere Verhaltensmaßregeln für den Fall der Mobilmachung mitgeteilt, wie die Einrichtung von Bahnschutzwachen aus Angst vor Sabotage und die Organisation von Quartieren für die Unterbringung des Militärs.

Die vollziehende Gewalt ging auf den Kommandanten des XVIII. Armeekorps auf der Festung Ehrenbreitstein über, die Zivilverwaltungen hatten dessen Anordnungen Folge zu leisten. Marktplatz und Kaiserplatz wurden zu Exerzierplätzen, die Volksschulgebäude zu Kasernen umgestaltet.

Die Didier-Werke in Niederlahnstein stellten ihr Wohlfahrtsgebäude mit 70 Betten dem Oberstabsarzt Dr. Theodor Michel, Chefarzt des Reservelazaretts, zur Verfügung. In Niederlahnstein waren mehrere Lazarette eingerichtet worden, nämlich im Johanniskloster, Josefshaus (Bergstraße), Hotel Douqué (späteres Kino Lahnstraße), Hotel Tusculum (heute Deutsche Bank), Gasthaus Nassauer Hof (Bahnhofstraße) und im Gesellenhaus (Emser Straße) sowie in Oberlahnstein im Gesellenhaus (Wilhelmstraße), evangelischen Gemeindehaus und in der Nähschule (heute Jukz).

Patriotische Gesinnung wurde gefordert und auch durch große Opferbereitschaft erwiesen. Die Lahnsteiner Presse berichtete täglich über die Spender, über die Kämpfe im Westen und Osten sowie im Lokalteil über die Tapferkeit der im Felde stehenden Lahnsteiner Bürger.

Während im großen Stil über die deutschen Erfolge berichtet wurde, stand aber auch im Kleinen zu lesen, dass die amtlichen Verlustlisten auf der Polizeiwache einzusehen sind. Als darin vermehrt Lahnsteiner Namen auftauchten, wich die Euphorie der Ernüchterung und Trauer. Nun sollten Auszeichnungen, Ehrungen und ständige Militärkonzerte von den traurigen Ereignissen ablenken.
Allmählich spürten die Menschen am Rhein-Lahn-Eck die Lasten des Krieges deutlicher. Waren sie schon gewohnt, dass die Straßenbeleuchtung nachts abgeschaltet wurde und Licht nur noch in abgedunkelten Zimmern angezündet werden durfte, so mussten sie sich bald auf eine staatliche Zwangswirtschaft einstellen. 1915 wurden die ersten Lebensmittelkarten und Bezugsscheine für Brot, Fleisch, Kartoffeln und Kohle ausgegeben. Mit jedem Kriegsjahr wurde die Versorgung der Bevölkerung schwieriger. Der Magistrat von Niederlahnstein forderte wegen der Kartoffelnot die Bevölkerung zum Anbau von Weißkohl und Kohlrabi auf. Das Papiergeld oder auch Zinkmünzen dienten als Ersatzgeld, denn Kleingeld aus Silber und Nickel wurde eingezogen. Auch zur Metallspende wurden alle aufgefordert. Die Bürger tauschten ihre Hausgerätschaften aus Kupfer und Messing gegen ein paar Mark Entschädigung. Auch die meisten Kirchenglocken und Orgelpfeifen wurden auf Anordnung der Regierung zum Einschmelzen abgehangen, jede Kirchengemeinde durfte nur die kleinste Glocke behalten. Selbst die Glocken in den Uhrentürmchen der Kaiser-Wilhelm-Schule und Freiherr-vom Stein-Volksschule sowie die vom Dachreiter des Alten Rathauses wurden fortgebracht.

Neben der Not litt die Bevölkerung unter einer zunehmenden Teuerung, nicht nur für Lebensmittel und Kohle, auch für Strom und Gas. In Oberlahnstein wurde eine Volksküche und ein Laden für getragene Kleider und Schuhe eingerichtet. In den Fabriken, die zu Versorgungs- und Rüstungsbetrieben erklärt wurden, waren zunehmend Frauen eingesetzt, auch kriegsgefangene Franzosen, Russen und Italiener mussten die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen.

Wurden zunächst alle Männer ab 18 Jahren rekrutiert, erging im Oktober 1915 ein Aufruf an alle Männer bis zum Alter von 45 Jahren, sich beim Bezirkskommando zu melden. Im Januar 1918 wurden schließlich alle Hilfsdienstpflichtigen, die jünger als 60 Jahre sind, sowie alle Verwaltungsbeamten und Mediziner verpflichtet, sich zu melden. Zur Finanzierung des Krieges wurden Kriegsanleihen aufgebracht.

Am 11. November 1918 war Waffenstillstand, der 1. Weltkrieg war beendet. Deutschland hatte den Krieg verloren, der Kaiser abgedankt und allerorten herrschte Trauer, Entbehrung und Not. Noch ein Tag zuvor, am 10. November, fiel ein Lahnsteiner in Rumänien. Insgesamt hatte Lahnstein den Tod von 14 Friedrichssegener, 121 Niederlahnsteiner und ca. 240 Oberlahnsteiner Soldaten zu beklagen, weitere Schicksale blieben bis heute ungeklärt. Es folgten Ernährungs- und Heiznot, Schäden durch den Rückzug der Truppen und Wohnungsnot durch die folgende Besatzung und den Zuzug von Flüchtlingen.

Bürgerwehren wurden in Nieder- und Oberlahnstein zur Bewachung und Sicherheit gegründet. Auf Anordnung der Siegermächte wurden diese ebenso wie das Bezirkskommando Ende 1918 aufgelöst. Das Gebäude in der Wilhelmstraße wurde Versorgungsamt für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene. Gleichzeitig ließen sich die Franzosen als Besatzungsmacht in Lahnstein nieder. Sie enteigneten größere Gebäude, Wirtshäuser und Vereinsheime und nutzten sie zu militärischen Zwecken. Die Kaiser-Wilhelm-Schule musste als Kaserne für 150 Mann Besatzungstruppen herhalten. 1920 wichen diese auf das Gesellenhaus und andere Gebäude aus. Die Besatzung blieb, wenn auch in reduzierter Stärke, bis 30. Juni 1930 in Lahnstein.

Das Stadtarchiv zeigt eine umfangreiche Ausstellung, die vom 8. bis 25. November 2018 in der Hospitalkapelle St. Jakobus, Hochstraße/Ecke Rödergasse, täglich von 13.30 Uhr bis 17.00 Uhr zu sehen ist. Der Eintritt ist frei. Nähere Infos und Anmeldungen für kostenlose Führungen (auch vormittags möglich) unter Tel. 02621/914-296 oder per Email an archiv@lahnstein.de.