19. Juni 2017 Kategorie: Pressemitteilungen

Vor 25 Jahren wurde dem Baareschesser ein Denkmal gesetzt


„Von Fritz Berlin erstelltes Urmodell“ (Foto: Stadtarchiv Lahnstein) und „Übergabe der Bronzeskulptur auf dem Lehner Festplatz mit Ministerpräsident Rudolf Scharping, Tal Total 1992“ (Foto: Erwin Pollak).

Lahnstein. Der Baareschesser sitzt seit 25 Jahren am Rande des ebenfalls 1992 neugestalteten Festplatzes an der Lahn. In Bronze gegossen und auf einem tragbaren kastenförmigen Trog sitzend verrichtet er seine Notdurft und verkörpert so den Spitznamen der Niederlahnsteiner. Verschmitzt schauend zeigt er dabei sein blankes Gesäß in Richtung Oberlahnstein.

Das Dorf Niederlahnstein bestand bis noch weit ins 19. Jahrhundert im Wesentlichen nur aus den Häusern entlang der Lahn, also aus der „Emser Straße“, „Lahnstraße“, „Johannesstraße“ und deren Seitengässchen. Eine Kanalisation im heutigen Sinne gab es nicht. Die etwas wohlhabenderen Bürger hatten ihr Häuschen mit Puddelsenke im Hinterhof, was damals schon als großer Fortschritt galt. Die ärmeren Bürger verrichteten ihre Notdurft in Pfannen, Eimern und Bahren, die sie dann der Einfachheit halber am nächsten Morgen ungeklärt („bar“) in die nahe Lahn auskippten. Vielleicht aber auch gleich in der Art, wie es die Figur am Lahnufer darstellt. Dabei wurden sie erstaunt und amüsiert von den Oberlahnsteinern auf der anderen Lahnseite beobachtet und so dauerte es nicht lange, bis die Niederlahnsteiner ihren Spitzname hatten.

Offiziell heißt es auf der angebrachten Bronzetafel: „Zur Reinhaltung des Brunnenwassers brachten die Bewohner des rechten Lahnufers schon im Mittelalter große Opfer. In Ermangelung von frischem Quellwasser mussten sie sich mit Grundwasser versorgen und verzichteten deshalb auf die Anlage von Sickergruben. Zur Sauberhaltung des Grundwassers benutzten sie stattdessen als Toilette die „Baare“. Die „Baareschesser“ leisteten so schon vor vielen hundert Jahren einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz!“

Aber es gibt noch weitere Erklärungen über die Herkunft. In der ältesten Erwähnung findet sich die Schreibweise „Barre“. Früher war die Lahn noch nicht so befestigt, wie sie heute ist und es bildete sich an der Lahnmündung oft eine Sandbank, die man „Barre“ nannte, abgeleitet von dem französischen Wort Barriere, also so gesehen ein Verschluss der Lahnmündung, über die man trockenen Fußes Oberlahnstein erreichen konnte. Die Sandbank könnte daher ausschlaggebend für die Namensgebung der Barre gewesen sein.

Herbert Roth schreibt in seinem Wörterbuch zu Lahnsteiner Mundart: „Mit Baar wurden die Nachtstühle bezeichnet, die die reichen Einwohner des Städtchens, die Märker, früher genutzt haben im Gegensatz zu den ärmeren Einwohnern, die nachts über den Hof an den Misthaufen mussten. Diese mit Griffen versehenen Holzkästen wurden morgens vom Gesinde an die Lahn gebracht, entleert und gereinigt.“

Ihr Wahrzeichen erhielten die Niederlahnsteiner ausgerechnet von einem ehemaligen Oberlahnsteiner Bürgermeister, nämlich Fritz Berlin (1924-1997). Berlin machte im Ruhestand sein Hobby zum Beruf und schuf zahlreiche Originale, die heute z.B. in der Koblenzer Altstadt zu bewundern sind. Eigentlich sollten auch die Oberlahnsteiner Heinze ihr Wahrzeichen – einen Bullen in Bronze - erhalten, doch durch den allzu frühen Tod Berlins kam es dazu nicht mehr.

Das Foto entstand bei der Enthüllung des Baareschesser durch Ministerpräsident Rudolf Scharping bei der ersten Großveranstaltung von „Tal total“ am 29. Juni 1992. Die erklärende Bronzetafel musste übrigens neu gegossen werden. Echte Lohnschdener entdeckten zwei Schreibfehler und machten aus dem „Bahreschisser“ den “Baareschesser“. Die falsche Tafel sowie die Urform befinden sich heute am Eingang des Stadtarchivs. Die mit Gips ummantelten Styroporteile wurden in Formsand getaucht, um sie in Bronze erstellen zu können. Gestiftet wurde die Skulptur von der EVM.

Die Volksbank Lahnstein verkaufte die Skulptur in limitierter Auflage als Miniatur, nämlich 20 cm hoch auf einem Marmorsockel. Auch auf rund 30 Kanalschachtdeckeln aus Gusseisen und Beton sind Baare und Heinze seit 1995  verewigt: Entworfen  von Willi-Peter Brunner liegen die kunstvoll gestalteten Kanaldeckel mit den beiden Wahrzeichen an exponierten Stellen im Stadtgebiet. Und falls ein Auswärtiger die beiden verwechseln sollte, so sei er an den Reimvers von Fritz Berlin erinnert: „Rechts der Lahn, das muss mer wisse, wurde in die Bahr geschisse. Links der Lahn, das war Kur-Mainz, da sagt man zum Stier noch `Heinz´“.