06. Oktober 2017 Kategorie: Pressemitteilungen

Vor 20 Jahren wurde die Güterabfertigung Oberlahnstein geschlossen

Ende einer Ära als Eisenbahnerstadt

Güterabfertigung Oberlahnstein um 1960 (Foto: Slg. Lahnsteiner Altertumsverein). Blick auf Umladehalle 1997 und auf das Bürogebäude nach der Schließung 1997 (Foto: Slg. Stadtarchiv Lahnstein).

Lahnstein. Das Areal, das derzeit zu einem bundesweit beachteten Wohn- und Gewerbegebiet umgewandelt wird, wurde fast 140 Jahre als Güter- und Verladebahnhof genutzt. Als der Warentransport auf der Schiene an Bedeutung verlor, wurden zunächst die Kapazitäten verkleinert, dann Teile zurückgebaut und schließlich, im Oktober 1997, die Umladehallen ganz geschlossen. Diese Entscheidung führte nicht nur dazu, dass eine 17 Hektar umfassende Fläche brach lag, sondern sie bezeichnete zugleich den Endpunkt einer sozialen und kulturellen Prägung: Oberlahnstein war über Jahrzehnte eine Eisenbahnerstadt gewesen. So waren im Jahr 1913 von den 1560 wahlberechtigten Oberlahnsteiner Bürgern 655 Eisenbahnbedienstete, also fast jeder Zweite. Jedes größere Fabrikunternehmen hatte einen eigenen Bahnanschluss.

Bis in die 1960er Jahre galt der Güterbahnhof Oberlahnstein als einer der wichtigsten Rangier- und Umladebahnhöfe der rechtsrheinischen Strecke mit einer Fläche von 30.000 Quadratmetern. Er verfügte über 15 Standgleise mit einer Gesamtlänge von drei Kilometern Gleisen. Hier wurde das Frachtstückgut für das gesamte Mittelrheingebiet und sein Hinterland umgeschlagen, die Züge fuhren in Richtung Westen (z. B. Gremberg, Köln-Kalk und Köln-Eifeltor), Osten (z. B. über Mainz-Bischofsheim nach Aschaffenburg oder Mannheim-Friedrichsfeld), die Moselstrecke entlang bis Ehrang und die Lahnstrecke bis Gießen. Im Jahr 1962, in dem aufgrund der Elektrifizierung das Bahnbetriebswerk Oberlahnstein aufgelöst wurde, wurde das höchste Tagesaufkommen registriert. Über 300 Güterwagen wurden tagtäglich behandelt und 1000 Tonnen Stückgut umgeladen, das waren etwa 25.000 Frachtstücke mit einem Durchschnittsgewicht von 40 kg. 16 Gabelstapler, 40 Hubwagen, acht Elektrokarren, ein Kranwagen, 20 Anhänger und mehr als 100 Stechkarren standen den 280 Beschäftigten der Umladestelle zur Verfügung. Ab 1972 wurde auch das Stückgut für das Land Luxemburg, das im Bundesgebiet aufkam, in Lahnstein gesammelt und in einen direkten Wagen nach Luxemburg befördert bzw. Stückgut, das aus Luxemburg kam, zunächst in Lahnstein nach den verschiedenen Zielen umgeladen.

Im Verlauf der 1970er Jahre verlor der im Eigentum der Bundesbahndirektion Köln stehende Güterbahnhof Oberlahnstein, mehr und mehr seine überregionale Bedeutung. Zwar fiel er der Rationalisierung der Deutschen Bundesbahn vorerst (noch) nicht zum Opfer, doch wurde er im Jahr 1976 zum regionalen Knotenbahnhof herabgestuft, der Rangierbetrieb aufgehoben, das Umladepotential und damit auch die Arbeitsplätze reduziert. Aber noch gehörte er zu den letzten verbliebenen Umladestellen der Bundesrepublik, die von 51 (1970) auf 15 (1984) reduziert worden waren.
1986 wurden bei der Güterabfertigung Oberlahnstein als selbstständige Dienststelle täglich etwa 600 Tonnen Kleingut umgeladen. Auf Werner Klöppel folgte damals Peter Weinhold als neuer Dienststellenleiter. Der Personalstand lag bei 174 Mitarbeitern.
Zur Güterabfertigung gehörten ein DB-Lagerhaus, eine DB-TRANSA-Speditionsagentur und die Außenstellen Vallendar, Koblenz-Ehrenbreitstein, Niederlahnstein, Braubach, Osterspai und Friedrichssegen. Neben dem Verkauf von Fahrausweisen und dem Transport von Güterwagen gehörte der Umschlag von Stückfrachten zu den Hauptaufgaben in Lahnstein. Circa 220 Güterwagen traten ihre Reise zu 150 Zielen an, während im gleichen Zeitraum 250 Wagen von 160 Stückfrachtbahnhöfen ankamen. Die Hallenfläche betrug für den Versand 200 m² und für den Empfang 380 m². Vier Ladebühnen von 165 bis 252 Metern Länge mit 156 Wagenstandplätzen und fünf Gleise mit 1.100 Metern Länge für ca. 100 Wagen dienten zum Vordisponieren. Nahe den Umladehallen befanden sich die Verkehrsgerätewerkstatt, wo beschädigte Paletten repariert wurden, und das Abfertigungsbüro.

1992 kam es zur Zusammenlegung der beiden Hauptdienststellen Bahnhof (Betrieb) und Güterabfertigung (Verkehr). Lahnsteins Großdienststelle beschäftigte 330 Mitarbeiter.

Mit der Privatisierung der Deutschen Bundesbahn in die Deutsche Bahn AG wurde 1994 auch der Stückgutverkehr neu organisiert. Es entstand die Niederlassung Koblenz mit den Zweigniederlassungen Koblenz-Lützel, Limburg, Neuwied, Oberlahnstein und der Außenstelle Nassau. Oberlahnstein war noch größter Betriebsanteil mit 115 Mitarbeitern.

Zum 1. Oktober 1997 wurden Güterbahnhof und Umladestelle Oberlahnstein aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Der Stückgutumschlag wurde nach Koblenz-Lützel verlegt. Die letzten 49 Mitarbeiter verließen die Bahnrampe. Lokführer Günther Hamm hat nach eigenen Angaben am 10. Oktober 1997 die letzte Stückgutware aus der Umladehalle abgefahren.

Peter Weinhold hat dem Lahnsteiner Stadtarchiv vor einigen Jahren die Akten übergeben, einen Wagenstandanzeiger und die Glocke vermacht, die täglich Dienstbeginn und -ende läutete. Sie steht heute in der Hospitalkapelle.