23. März 2017 Kategorie: Pressemitteilungen

Vor 90 Jahren: Neue Kirchenglocken für Oberlahnstein

Stadtarchiv Lahnstein erinnert an die Anschaffung neuer Glocken für die evangelische und katholische Kirche durch die Stadt

Das 1. Foto: Präsentation der Glocken vor der katholischen Kirche, wo sie von den Kindern und Erwachsenen bewundert werden

Das 2. Foto: Festlich geschmückt wurden die Glocken durch die Stadt gefahren. Hier fotografiert in der Südallee mit den drei Glocken für die evangelische Kirche (alle Fotos: Stadtarchiv Lahnstein)

Lahnstein. Bald nach Kriegsende hatte der Oberlahnsteiner Magistrat beschlossen, die im Jahr 1917 „für das Vaterland geopferten Glocken“ wieder neu zu beschaffen. Die städtischen Köperschaften beschlossen für die katholische Kirchengemeinde fünf und für die evangelische Kirchengemeinde drei Glocken anzuschafffen, obwohl nach altem verprüften Recht die Stadtgemeinde nur für die Unterhaltung des Kirchturms der katholischen Gemeinde nebst dem Erstellen des Geläutes verpflichtet war.

Die Auswahl der Glocken wurde Dekan Pfarrer Michael Müller, einem Experten auf dem Gebiet der Kirchenmusik, übertragen. Nachdem die Finanzierung gesichert war, wurden bei der Glockengießerei Ulrich in Apolda/ Thüringen acht Bronzeglocken in Auftrag gegeben. Die beiden Geläute wurden aufeinander abgestimmt. Im Juni 1927 erfolgte die Abnahme und musikalische Prüfung in Apolda. Tief bewegt von der Macht und der majestätischen Klangfülle telegrafierte Dekan Müller nach Oberlahnstein: „Unsere Glocken werden immer unser Stolz sein“.

Als die Glocken wenig später vom Güterbahnhof durch die Straßen der Stadt zu den Kirchen gefahren wurden, nahm die ganze Bevölkerung daran lebhaften Anteil. Zur Weihe am 26. Juni 1927 wurden die Glocken für die katholische Kirche an einem tannenbekränzten Gerüst vor der Sakristei aufgehängt. Die Glocken durften gegen Spende angeschlagen werden. Sie tragen die Namen St. Martin (5.700 kg, Gewichtsangaben jeweils mit Klöppel), St. Jakob (3.000 kg), St. Michael (2.200 kg, Totenglocke), St. Maria (1.600 kg) und St. Margaretha (1.100 kg) in den Tonlagen „gis - h – cis – dis – fis“. Auf den einzelnen Glocken befinden sich jeweils vierzeilige Sprüche mit dem Aufruf „Ora pro nobis“ (Bitte für uns) und dem Namen und Bildnis des zugehörigen Heiligen. Zum Beispiel steht auf der schwersten Glocke unter dem Bildnis des Heiligen Martinus: „Im Weltkrieg rief mich das Vaterland mit zwei meiner Schwestern, doch neu erstand ich und die andern. Die Huld der Stadt zu Gottes Ehr` uns gestiftet hat. Sante Martine, ora pro nobis!“ Auf den Rückseiten der ersten vier Glocken ist das Stadtwappen von Oberlahnstein abgebildet, da sie von der Stadt bezahlt wurden. Die Margaretha-Glocke wurde von Zeitungsverleger Fritz Nohr und Ehefrau Margarete gestiftet. Als Pate der anderen Glocken fungierten Brauereibesitzer Franz Fohr, Bürgermeister Dr. Walter Jakob Weber, Direktor Josef Boland vom Collegium Carolinum und Frau Maria Fohr. Dominikanerpater Clasen aus Düsseldorf hielt die Festansprache, Feuerwehrkapelle, MGV 1863 und MGV Frohsinn sowie der Kirchenchor Cäcilia umrahmten musikalisch die Feierlichkeiten. Jedes Schulkind bekam zur Feier des Tages eine Brezel überreicht. Die beiden großen Glocken der Martinuskirche wurden im Südturm, die drei kleinen im Nordturm aufgehängt. Mit Rücksicht auf die Schwere der Glocken – die Martinsglocke hat ein größeres Gewicht als die große Glocke des Limburger Doms – musste ein Gutachten über die Tragfähigkeit des Turms eingeholt werden, das positiv ausfiel. In beiden Kirchtürmen wurde ein elektrisches Läutewerk installiert. Die Gesamtkosten, abgesehen von Spenden, beliefen sich damals auf ca. 60.000 Reichsmark. Da mit der Glockenfirma eine Zahlung in 8-Jahres-Raten vereinbart war, konnte die Glockenbeschaffung ohne Aufnahme eines Darlehens aus laufenden Mitteln finanziert werden. Das Geläut mit insgesamt 13,6 Tonnen stellt bis heute das anerkannt repräsentativste zwischen Köln und Frankfurt/Main dar.

Passend dazu wurden die Tonlagen für die drei Glocken der evangelischen Kirche ausgewählt, nämlich in „ges“, „as“ und „b“. Auf der Kriegergedächtnisglocke (900 kg) stand „Geopfert für Vaterlands Wehr 1917. Erneut zu Gottes Ehr“, auf der Luther-Glocke (700 kg) „Eine feste Burg ist unser Gott“ mit einem Bildnis des Reformators und auf der Friedensglocke (470 kg) „Der Friede sei mit Euch“. Alle drei Glocken trugen das Stadtwappen Oberlahnsteins.

Die beiden im Ersten Weltkrieg in Oberlahnstein verbliebenen Glocken aus der katholischen und evangelischen Kirche wurden an die Gießerei Apolda abgegeben und auf die Kaufpreissumme angerechnet. Die Glockengießerei stiftete zum Dank für den Großauftrag gleich zwei kleine Glocken für das Uhrwerk der Kaiser-Wilhelm-Schule im Gewicht von 56 und 25 kg. Sie befinden sich heute im Hexenturm.

Die Nationalsozialisten sorgten wenige Jahre später dafür, dass die Zivilgemeinde die Türme der katholischen Kirche samt Glocken „los“ wurde: 1936 musste die Pfarrgemeinde die Türme als Geschenk annehmen. Seitdem muss sie auch für die Unterhaltung der Glocken aufkommen. Trotzdem wurden die Glocken 1942 erneut für Kriegszwecke beschlagnahmt.