19. Mai 2016 Kategorie: Pressemitteilungen

Vor 150 Jahren wurde Lahnstein preußisch

Stadtarchiv zeigt Ausstellung zum Ende der herzoglich-nassauischen Ära

Nach ihrer Restaurierung steht die Grenzsäule seit September 2015 in der Johannesstraße vor dem Nassau-Sporkenburger Hof (Foto: Stefan Best/Stadtverwaltung Lahnstein).

Lahnstein. Vor 150 Jahren wurde das Herzogtum Nassau von Preußen annektiert – das Rhein-Lahn-Eck preußisch. Vom 25. bis 29. Mai 2016 zeigt das Stadtarchiv Lahnstein in der Hospitalkapelle St. Jakobus eine Ausstellung über die vorangegangene herzoglich-nassauische Zeit (1803-1866).

Verglichen mit rund 800 Jahren Zugehörigkeit zu den Kurstaaten Trier (Niederlahnstein) und Mainz (Oberlahnstein) waren 63 „nassauische“ Jahre nur eine kurze Episode, aber sehr prägend für Nieder- und Oberlahnstein. Gehörte der „Flecken“ (zeitgenössischer Begriff für eine Gemeinde ohne Stadtrecht) Niederlahnstein ab 1803 zum Fürstentum Nassau-Weilburg und die Stadt Oberlahnstein zum Fürstentum Nassau-Usingen, so führten der Zusammenschluss der Fürstentümer und die Erhebung zum Herzogtum 1806 endlich dazu, dass beide Lahngemeinden den gleichen Landesherrn erhielten.
Das Herzogtum Nassau wurde auf der untersten Ebene in Amtsbezirke aufgeteilt. Niederlahnstein gehörte zum Amt Ehrenbreitstein, Oberlahnstein blieb zunächst ein eigenes Amt, von einem Beamten in Braubach mitverwaltet, und schließlich mit diesem zum Amt Braubach vereinigt. Als auf dem Wiener Kongress (1815) beschlossen wurde, dass die rechtsrheinischen Gebiete nördlich von Niederlahnstein zur Rheinprovinz zugeschlagen wurden, wurde Niederlahnstein auch vom Amt Braubach mitverwaltet – und damit unterstanden Ober- und Niederlahnstein ab 1816 derselben Amtsverwaltung.

Ein eigentlicher Aufschwung setzte aber erst ab 1858 mit dem Eisenbahnbau ein, der vor allem Oberlahnstein zu einem rasanten Bevölkerungswachstum verhalf. Ihrem Landesherrn Herzog Adolph begegneten die Lahnsteiner mit Respekt, wenn er mit der neuerbauten Eisenbahn von Wiesbaden nach Ems fuhr und für eine knappe Viertelstunde Aufenthalt in Oberlahnstein hatte. 1863 benannten sie die Adolphstraße nach ihm, 1864 feierten sie sein 25. jähriges Regierungsjubiläum wie überall im Land. Als es 1866 zum endgültigen Bruch zwischen den zentralen Großmächten Preußen und Österreich kam und Preußen am 19. Juni 1866 Österreich den Krieg erklärte, beteiligte sich das Herzogtum Nassau als Mitgliedsstaat des Deutschen Bundes auf Seiten Österreichs.
Die liberale Opposition im Lande war jedoch gegen eine nassauische Beteiligung an diesem Krieg, der nicht „im nationalen Interesse“ liegen könne. Dreimal scheiterte die Regierung, die Kriegskredite bewilligt zu bekommen. Der Herzog löste daraufhin den Landtag auf. Unterdessen verlief der Krieg aus militärstrategischer Sicht ziemlich chaotisch. Die 5.000 Mann starke nassauische Brigade war dem 8. Bundesarmeekorps zugeteilt worden, darunter etwa 30 Oberlahnsteiner Soldaten. Sie versammelten sich seit dem 16. Juni um Frankfurt und wurden ohne rechtes Konzept in Marsch gesetzt, um das Land gegen eine vermeintlich drohende Besetzung zu schützen. In der Tat drangen preußische Soldaten von Koblenz und Wetzlar mehrfach auf nassauisches Gebiet vor und besetzten als Störmanöver unter anderem die Telegraphenstation in Oberlahnstein, um allerlei Falschmeldungen ins Land zu versenden.
Die Nassauer sollten die Mainlinie halten, was fehlschlug. Nach einem siegreichen Gefecht bei Zorn (12. Juli), dem einzigen Gefecht auf nassauischem Boden, zogen die Soldaten weiter ins Taubertal und kampierten noch nach dem Kriege in Günzburg in Bayerisch-Schwaben. Kriegsentscheidender waren Niederlagen anderer Einheiten des 8. Armeekorps (Bayern und Hessen) bei Aschaffenburg und Tauberbischofsheim. Nach der Niederlage der Bayern und Hessen verließ der Herzog am 15. Juli Wiesbaden und harrte bei seinen Truppen in Günzburg aus. Nicht wenige Nassauer sahen die Besetzung ihres Landes durch Preußen mit freundlichen Augen, sodass die preußischen Truppen kampflos am 18. Juli in Wiesbaden einmarschieren konnten.
Im Osten hatten inzwischen die drei großen preußischen Armeen die Österreicher und Sachsen am 3. Juli in der Schlacht bei Königgrätz geschlagen, zogen hinter den feindlichen Armeen bis Wien und Pressburg und erzwangen den Frieden.

Die nassauische Brigade blieb noch bis zur definitiven Klärung der Annexionsfrage und der vertraglichen Regelung der Rückführungsmodalitäten in Günzburg. Hier fand am 8. September eine bewegende Abschiedsparade statt. Herzog Adolph wandte sich mit einem letzten „Tagesbefehl“ an seine Soldaten, bevor diese den Rückzug in die nassauische Heimat antraten. Im Anzeiger für das herzogliche Amt Braubach ist seine Rede nachzulesen: „In Folge des unglücklichen Krieges, den wir geführt, hat mir der Sieger mein Land, unser gemeinsam theures Vaterland entrissen, und erscheine ich heute zum letzten Male als Euer Kriegsherr in Eurer Mitte, um Euch noch einmal vereinigt zu sehen und Abschied von Euch zu nehmen...“. Tief bewegt dankte er für ihre Treue, bat sie sich dem Schicksal zu fügen und mit den preußischen Truppen, die nun Nassau besetzt haben, keinen Streit anzufangen. Die nassauischen Truppen wurden von ihrem Fahneneid entbunden. Adolph ging nach 27 Jahren Regentschaft ins Exil - das er 1890 Großherzog von Luxemburg würde, konnte zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen.

Durch das Annexionsgesetz vom 20. September 1866 wurde das Gebiet des Herzogtums und der freien Stadt Frankfurt dem Königreich Preußen einverleibt. Fortan waren Nieder- und Oberlahnstein preußische Gemeinden. Die seit 1815 bestehende Staatsgrenze zwischen Horchheim und Niederlahnstein war zur Provinzgrenze geworden. Die Preußischen Adler wurden an den Grenzen aufgerichtet und der Nassauer Löwe an den Grenzsäulen ausgemeißelt, so dass heute an der erhaltenen Grenzsäule in Niederlahnstein nur noch die Umrisse des Wappenschildes zu erkennen sind.